Nervt! 
von Thorsten Bihegue (D)                         8+

Begründung der Jury

5 Figuren tummeln sich in einer grellbunten multifunktionalen Szenerie aus mehr oder weniger sinnvoll arrangierten Konstruktionen und Gegenständen, 5 Figuren, die mit folgenden Namen beschrieben sind: die den Dingen ins Auge Schauende, der in sich Ruhende, der immer wieder Aufstehende, die ungern etwas zu Ende Bringende und der gern von außen Beobachtende – Namen, bei denen man immer kurz überlegen muss, was das eigentlich bedeutet, und die per se schon mal nerven!

Jeder Figur ist eine typische Verhaltensweise zugeordnet, die sich ständig wiederholt, - .z.B. immer und immer wieder durch Türen rein und raus zu rennen - was natürlich ziemlich nervt. Und alle 5 tragen Kostüme, die durch eine jeweils spezifische Unperfektheit, wie beispielsweise viel zu große Schuhe, das Spielen erschweren.

Als wäre das alles nicht schon nervtötend genug, werden jetzt auch noch Notizbücher herbei geschleppt, in die die Zuschauenden am Eingang ihre Top Five “Was nervt“ geschrieben haben, die im Laufe der Zeit auf der Bühne zum Besten gegeben werden. 

 

Aber bei all dem handelt es sich nur um Beiwerk. In Wahrheit sind die Fünf angetreten, um ein Stück aufzuführen; es trägt den Titel: „Die unendliche Beinfreiheit der Emily Fischer oder die Kunst des kunstlosen Fallens aus allen Wolken“. Allein dieser Stückname lässt ahnen, dass wir es hier mit einer Theaterproduktion zu tun haben, die die Kunstform als solche augenzwinkernd  in Frage stellt. Und so wundert es nicht, dass in der Folge lediglich redundante Tätigkeiten vorgeführt werden, während derer sich jeder in seinem „Besonderen Moment“ mit kleinen Variationen versucht, selbst zu erfinden.

 

Zusammen mit dem Ziel, auch noch die Genervtheit-Charts des Publikums unterzubringen, erfordert all das natürlich eine wohl überlegte Konstruktion des Textes. Das Spiel der einzelnen Figuren wird im Laufe des Stückes kunstvoll zusammengeführt: Es entstehen Aufzählungen im Wechsel, die ungeheuer temporeich die unterschiedlichsten Nerv-Potentiale beschreiben. Banale Phänomene, die jeden Menschen im Alltag belasten, wie z.B. ein gewisser Grundlärmpegel, werden eins zu eins neben sehr individuelle Unverträglichkeiten gestellt, z.B. Eis-Füße oder dass sich jemand nicht traut, Gefühle zu zeigen; daneben wiederum erscheinen Probleme von gesellschaftspolitischer Tragweite wie die Schere zwischen Arm und Reich oder Staatsgrenzen, gemischt mit oberflächlichen Nichtigkeiten: Das Gelb des Tisches, offene Schnürsenkel oder Gutelaune-Menschen mit Plastikblumen im Haar.  

Das Frappierende ist, – und das ist nicht zuletzt der  pointierten Sprache des Textes zu verdanken - dass das Publikum an keiner Stelle die Neigung entwickelt, aus diesem Schmelztiegel an Nerv-Gründen auszusteigen. Vielmehr ist man gefesselt und geneigt, so gut wie jeder der geschilderten Empfindungen nachzuspüren, inwieweit sie auf einen selbst zutrifft.

 

Mit einem Brainstorming von Geschichten, Witzen, Liedern und Beobachtungen begibt sich das Ensemble schließlich auf die Suche nach etwas, das im Theater geeignet ist, „Bääm“ zu machen. Mit viel Elan und mit euphorischen Regieanweisungen wird  im Zuge dessen dem Ensemble samt Publikum eine Inszenierung zudiktiert, die verschiedene Theaterelemente aus unterschiedlichen Genres ohne jeden Sinnzusammenhang aneinanderreiht und die die Spielenden mit Feuereifer umzusetzen bemüht sind. So wird  lustvoll die Skizze eines Dramas entworfen, und man fühlt sich an Kinder erinnert, welche mit ihrer überschäumenden Phantasie „Theaterspielen“ spielen. Zwar ist das Spiel bar jeder Aussage, jedoch ist bei dieser absurden Vorführung ein ausgelassener Spaß am Zuschauen garantiert! 

 

Aus der Zueignung im Epilog seien von einem Haufen an Vorschlägen hier abschließend 2 zitiert: 

- „Dieses Stück ist für alle diejenigen, die das Gefühl haben, nichts ändern zu können.“ - Und: „Es ist für alle diejenigen, die sich entwickeln wollen, aber die man nicht lässt.“

 

Nachdem der Text uns für alle Eventualitäten eine unendliche Vielzahl an Möglichkeiten vor Augen geführt hat, schließt er mit den Worten:  „Man wünscht sich, dass alles noch mal von vorne beginnt!“