Löwenherzen 

von Nino Haratischwili (D)                         8+

Begründung der Jury

Wie stelle ich mir meine Zukunft vor und was muss ich tun, damit sie genau so wird? Eine Frage, die sich Kinder und Jugendliche rund um die Welt stellen. Und doch sind die Antworten sehr unterschiedlich, sind doch die Umstände, unter denen Kinder weltweit groß werden, immer noch gezeichnet von Ungerechtigkeiten und Nachteilen auf der einen und Privilegien auf der anderen Seite unserer Gesellschaften. 

 

Der neunjährige Anand aus Bangladesh hat ein Ziel. Er arbeitet in einer Fabrik und stellt Plüschtiere her, die dann nach Europa verkauft werden. Aber er kann viel mehr: Er will der größte Zauberer auf der ganzen Welt werden, und damit das passieren kann, muss jemand den Bauch seiner Mutter mieten, dann kann die Familie ein richtiges Haus kaufen und er kann zur Schule gehen. Er schreibt einen Brief an Gott, der nach seiner Meinung in Europa wohnen muss, und versteckt ihn in einem der Tiere, dem Löwen mit dem schiefen Auge, der ihn Gott überbringen soll. 

Der Löwe trifft während seiner abenteuerlichen Reise um die Welt auf Kinder in verschiedensten geografischen und sozialen Lebensumständen. Und alle diese Kinder sind stark und kompetent, lassen sich nicht unterkriegen und finden kreative und visionäre Lösungen für sich und andere – echte Löwenherzen eben. 

 

Nino Haratischwili schreibt mit 'Löwenherzen' einen Text, der nicht aktueller und wichtiger sein könnte. Sie schafft es, die brennenden Ungerechtigkeiten unserer Zeit zu benennen und das Versagen des globalen Kapitalismus aufzuzeigen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, und lässt vor dem geistigen Auge der Leser*innen einen ökonomischen Kreislauf entstehen, der diese aufrüttelt und immer wieder Fragen aufwirft, die die Leser*innen oder Zuschauer*innen selbst beantworten müssen. Ihre Protagonist*innen sind nie Opfer der Umstände, sondern starke, kreative und selbständige Kinder. Dass diese wiederum nicht die gleichen Möglichkeiten haben, je nachdem, ob sie in Deutschland oder Bangladesh leben, ist einem System geschuldet, von dem speziell wir in unserem Land und auf unserem Kontinent profitieren. Haratischwili benennt dies klar, zeigt uns, dass alles zusammenhängt, und doch klagt sie nicht durchgängig an, sondern zeigt eine Generation von jungen Menschen, die Fragen stellt, Ungerechtigkeiten erkennt und diese versucht aktiv zu verändern. 

 

Man kann durchaus Hoffnung schöpfen wenn man Löwenherzen liest. Man kann sich fragen, wann die Stimmen dieser mutigen Kinder und Jugendlichen endlich gehört werden, wann sie gleichberechtigt über die Veränderungen und notwendigen Schritte hin zu einer besseren und gerechteren Welt mitsprechen dürfen. Wann die Erwachsenen endlich erkennen, welche Auswirkungen ihr (unser) Handeln auf die Kinder dieser Welt hat. 

 

'Löwenherzen' ist ein Stück, das nicht nur auf der Bühne vorstellbar ist. Die sprachliche Brillanz und die dramaturgische Klarheit führen dazu, dass man das Stück wie einen Roman aufsaugt und geradezu auf eine Verfilmung wartet. Bis dahin allerdings muss das Stück gespielt werden. Es zeigt Perspektiven auf und eröffnet Horizonte, die an den meisten deutschen Theatern und Spielplänen leider immer noch fehlen. 

 

'Löwenherzen' ist ein Stück über globale Ungerechtigkeiten und mutige junge Menschen, die an Veränderung glauben. Indem es den Blick auf einzelne Protagonist*innen richtet, bleibt es nie allgemein, berührt die Leser*innen, rüttelt auf und macht dazu auch noch Spaß. Löwenherzenehrenwort!