Im Wald (da sind)

von Ruth Johanna Benrath (D)                6+

Begründung der Jury

…nein, nicht „die Räuber“, wie ein altes Kinderlied behauptet, sondern die Tiere und Pflanzen, die da von Anbeginn hingehören: Das Wildschwein, der Hirsch, der Hase, das Kitz, der Pilz, der Farn, der Wolf. Unter „Räubern“ könnte man allenfalls die Familie verstehen, die in diesen Naturkreis einbricht, indem sie mit ihrem SUV über den Waldweg brettert, um sich vor den Corona-Maßnahmen der Großstadt in einem Ferienhaus zu verstecken: 2 Mütter, 2 Kinder und Muppi, der Hund. 

Wir befinden uns im ersten Lockdown: Kontaktsperren,  Reisebeschränkungen, Polizeikontrollen. Die Erwachsenen haben es satt, eingesperrt zu sein und wollen mit den Kindern raus , um auf ihre Art von der Natur zu profitieren -  schöne Umgebung,  Freiheit, frische Luft . Die Kinder vermissen zwar  W-Lan und Fernsehen und sind natürlich auch genervt von der Pandemie („Corinna kann mich mal“), finden aber als Erste Zugang zu den angestammten Waldwesen, und zwar in Begleitung von Muppi, der als Haustier sozusagen den Vermittler zwischen  Mensch und Natur darstellt.

„Und wer ist auch noch da, spricht aber nicht? Der Förster  - Schüsse und Schatten, der Mond als der milde Blick auf die Welt und natürlich der Wald, der grüne, grüne Wald mit seinen hohen Wipfeln und seinen tiefen Gründen, still, dunkel, deutsch…“   So die romantischen Ortsbeschreibungen - unbedingt mitinszenieren! -  die den wenig achtsamen Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt  stets  ironisch konterkarieren.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Muppi, der Hund, wird von den Waldtieren gekidnapt und von den Kindern im Gefangenenaustausch gegen den in der Hundehütte festgesetzten Hasen wieder befreit. All dies geschieht, ohne dass die Mütter davon etwas merken; die sind unterdes damit beschäftigt, Naturphänomene zu googeln… 

Ruth Johanna Benrath setzt mit der Handlung des Stückes bei unseren Erfahrungen des letzten Jahres an und nutzt dabei geschickt die real existierende Pandemie, die viel Platz für Situationskomik einräumt, weil die dystopische Grundstimmung aus der Distanz des Zuschauens surreal anmutet. Aber es geht ihr um weit mehr als um Corona:

In dieser schrägen Umwelt-Satire für Kinder verleiht die Autorin den Tieren und Pflanzen eine gewichtige Lobby. Sie geben nicht nur putzige kindertümlich vermenschlichte Fell-Figuren ab, die sich aus unerfindlichen Gründen mit Menschenproblemen herum schlagen, sondern sie verhandeln auf Augenhöhe und vertreten ernsthaft ihre natürliche Spezies. Aus deren Forderung: „Menschen raus aus unserm Wald!“  entsteht durch die Vermittlung der jungen Generation am Ende in einer Art Momentaufnahme ein Versöhnungstanz als Ausblick auf eine schlichte Utopie: Menschen-, Tier- und Pflanzenwesen könnten die Umwelt verantwortlich verwalten und gleichberechtigt teilen. Als Wunsch sicher nicht neu, aber nach wie vor noch lange nicht erfüllt und hier noch mal frech und modern vorgetragen. 

Durch rhythmisch knappe Sprache, ineinandergreifende, sich häufig überlagernde, dabei aber sehr genau choreographierte Dialoge und chorische Passagen entsteht ein temporeiches Spiel, das sich für eine musikalische Umsetzung geradezu anbietet und bei der großen Personnage eine Vielzahl an Inszenierungsmöglichkeiten eröffnet. Ein Spiel, das bei aller Lust an Wortwitz und Komik  seine engagierte Mission  nie aus dem Blick verliert.    

 

Beste Unterhaltung vor ernstem Hintergrund!  „Lasst die Puppen tanzen!“